Editorial



Bulletin Nr. 136 / Juni 2010

 

Geschätzte Leserinnen und Leser, liebe Kolleginnen und Kollegen


Wer hatte das Vergnügen, den Dokumentarfilm «Die Frau mit den fünf Elefanten» zu sehen? Svetlana Geier ist eine mehr als achtzigjährige Frau, die seit 60 Jahren vom Russischen ins Deutsche übersetzt. Seit 1992 übersetzte sie während 15 Jahren für den Ammann-Verlag die fünf grossen Romane, die «fünf Elefanten» von Fjodor M. Dostojewskij, denen sie teilweise neue Titel verlieh: «Verbrechen und Strafe», «Der Idiot», «Böse Geister», «Die Brüder Karamasow» und «Ein grüner Junge». Im Film von Vadim Jendreyko sehen wir die alte Frau, die täglich mit Disziplin und grösster Motivation – und ohne Computer – an den Texten arbeitet. Sie erklärt, wie sie diese Texte, die sie als beweglich und lebendig erachtet, zuerst als Ganzes zu verstehen versucht, damit sie in einem zweiten Schritt mit der ­«Knochenarbeit» des Konstruierens der übersetzten Wörter und Sätze beginnen kann. Ihre Leidenschaft gilt den Grenzbereichen, in denen es für die Worte der einen Sprache keine Entsprechung in der anderen gibt. Aus ihren Erfahrungen mit der russischen und der deutschen Kultur heraus geht sie neue sprachliche Wege. Diese Arbeit – verstehen und wieder ausdrücken wollen – erinnerte mich an die Arbeit von Logopädinnen und Logopäden. Auch wir versuchen, die sprachgestörten Personen als Ganze zu verstehen und ihnen das Verstandene im Dialog zu spiegeln, um allenfalls neue Bedeutungen intersubjektiv zu konstruieren – wie dies für die Logopädie Ulrike M. Lüdtke (2004, 2006, 2010) im Ansatz der «relationalen Sprachdidaktik» formuliert.

Auch Svetlana Geier arbeitet nicht nur allein mit den Texten. In verschiedenen Phasen ihrer Arbeit begutachten Dostojewskij-Kenner die Entwürfe ihrer Übersetzungen. Gemeinsam werden dann ästhetisch, linguistisch oder inhaltlich begründete Entscheidungen getroffen. Die alte Frau mit den wachen Augen übt täglich, um das Andere zu verstehen und aktiv wieder zu formulieren. Dieser Umgang mit Texten steht ganz im Gegensatz zu dem heute weit verbreiteten. Statt unter Druck und mit hohem Tempo Informationen in immer gleichen, bekannten Wörtern, Sätzen – und vor allem Zahlen – zu tippen, stellen diese alte Frau und ihre Mitarbeitenden Inhalte in eine Form, die lose Enden aufweist. Dies ist gemäss der Übersetzerin das Vermächtnis von Dostojewskij. Die losen Enden sind das, was wir Lesenden verknüpfen. So wird der Text lebendig, tritt in Austausch mit uns und führt uns weiter.

Dieses literarische Lesen tritt heute angesichts der Informationsüberfülle und der Unterhaltungsorientierung in den Hintergrund. Zur Entspannung wie auch zur Weiterbildung konsumieren wir Zeitungen, Zeitschriften, Zusammenfassungen, Krimis und andere Unterhaltungsliteratur – «Infotainment». Dieser Film inspirierte mich, wieder einmal auszuprobieren, wie sich literarisches Lesen anfühlt. Da die Sommerferien quasi vor der Türe stehen, empfehle ich deshalb gerne Texte von Ilma Rakusa, Tim Krohn, Josef Brodsky, Herta Müller oder Alice Munroe – und selbstverständlich auch von Dostojewskij: für diejenigen, die so lange Ferien machen können.

Mit freundlichen Grüssen

Prof. Dr. Susi Stieger, Redaktorin

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