Editorial


Geschätzte Leserin, geschätzter Leser, liebe Kollegin, lieber Kollege,

«Der Mensch ist nicht erforscht.» Mit dieser plakativen Aussage hat mich ein guter Freund kürzlich konfrontiert, als wir uns voneinander verabschiedeten. Sicher mit der Absicht, dass ich mir Gedanken darüber mache. Meine erste innere Reaktion, ausgedrückt in den Worten von Jonathan Briefs, war: «Ich habe keine Lösung, aber ich bewundere das Problem.» Wenn derartige interessenserweckende Probleme an Wissenschaftler, die sich in der Regel zunächst einmal mit ihrem rationalen Verstand einem Sachverhalt annehmen, herangetragen werden, so fragen sie sich, wie diese Aussage wohl zu verstehen ist. Inwiefern ist der Mensch nicht erforscht? Welche Teile des Menschen sind nicht erforscht? Immer erscheint diese Aussage nämlich nicht zutreffend und ist in erster Linie eine Frage der Perspektive. Zum Beispiel ist eine menschliche Zelle in Bezug auf deren Zusammensetzung und Funktion doch recht gut erforscht. Oder auch das menschliche Genom gilt seit 2003 als vollständig entschlüsselt. Errungenschaften der Wissenschaft, die die oben formulierte Aussage nichtig machen. Ganz anders sieht dies insbesondere beim (menschlichen) Gehirn aus: Hier gelten nur etwa 5 % als erforscht, sodass der Mensch in dieser Hinsicht tatsächlich als nicht erforscht angesehen werden kann. Auch Teile der vorliegenden Ausgabe widmen sich diesem Problem. Unter der Rubrik «Neues aus den Nachbardisziplinen» finden sich interessante Forschungsergebnisse des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften, die sich mit Reparaturprozessen im Gehirn befassen und insbesondere auf die neuronale Verarbeitung von Sprache und Musik eingehen. Ebenso widmet sich der Fachartikel von Matthias Keller vom Psychologischen Institut der Universität Zürich genau diesem Punkt – genauer der Verarbeitung von Prosodie im Gehirn. Eine wichtige Aussage darin betrifft die sich hartnäckig haltende Behauptung, Sprache (oder überhaupt kognitive Funktionen) seien kortikal in klar umschriebenen Zentren organisiert – diese Meinung wird unverblümt als veraltet erklärt. Haltbar bleibt jedoch die Hypothese, dass es neuronal Unterschiede zwischen der Verarbeitung von linguistischer und emotionaler Prosodie gibt, womit wir wieder zur Aussage «der Mensch ist nicht erforscht» zurückkommen: Die Intention dieser Aussage war selbstverständlich nicht (und das hat sich in einem zweiten Gespräch bestätigt), dieses Problem rational analytisch anzugehen (zumal es für eine sinnvolle Erforschung ohnehin viel zu weit gefasst wäre), sondern den emotionalen Gehalt dieser Aussage wahrzunehmen. Dieser liegt in diesem Fall in der Verwunderung darüber, dass Menschen, die man schon lange kennt, (scheinbar) urplötzlich ein Verhalten an den Tag legen, das man von ihnen ansonsten nicht gewohnt ist. Diese Verhaltensänderung kann natürlich positiv wie negativ sein. Hier war ersteres der Fall und äusserte sich im tatkräftigen Widerstand einer ansonsten sehr ruhigen Person gegen einen widrigen Sachverhalt. Im Privaten wie im Beruflichen trifft man immer wieder auf Menschen mit unermüdlichem Engagement für oder auch gegen eine Sache. Auch viele Logopädinnen und Logopäden können zu dieser «Gattung» gezählt werden, wie ein weiterer Fachartikel von Lorena Martinez in dieser Ausgabe zeigt. Das Engagement bezieht sich hier einerseits auf die Bereitschaft an einer wichtigen Erhebung zur klinisch-logopädischen Versorgungssituation in der Schweiz teilzunehmen und andererseits – wie diese Erhebung zeigt – darauf, was einzelne Fachpersonen für ihre Profession leisten.

Daneben befindet sich ein dritter Fachartikel in dieser Ausgabe: Christina Kauschke berichtet darin über Möglichkeiten der logopädischen Therapie bei prosodischen Auffälligkeiten im Rahmen kindlicher Spracherwerbsstörungen – ein Thema, das im Übrigen auch noch weiterer Forschung bedarf.

Der Mensch ist nicht erforscht. Das Gehirn ist nicht erforscht. Die Sprache ist nicht erforscht. Jegliche Fachbereiche weisen unzählige Desiderata aus – so auch die Logopädie. Machen wir uns an die Arbeit!

«Unser Interesse an den Dingen und unsere Liebe zu den Dingen wächst in dem Masse, als wir tiefer und tiefer in ihren geheimnisvollen Kern dringen.» (Friedrich Spielhagen)

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, nach einem hoffentlich erholsamen Sommer, viel Energie und Ehrgeiz für die bevorstehende – erkundungsintensive – Zeit.

Herzliche Grüsse

Mirja Bohnert-Kraus, Redaktorin