Editorial


Geschätzte Leserin, geschätzter Leser, liebe Kollegin, lieber Kollege,

«Alles hat zwei Seiten, dass der Mensch die wählen könne, die ihn nicht in seiner Ruhe stört.» (Charles Joseph Fürst von Ligne)

Dies klingt zunächst einmal nach einer gewissen Bequemlichkeit, sich die Dinge so einzurichten, dass sie einem wenig Aufwand oder Umstellung bereiten. Zum anderen weist es darauf hin, dass jeder meist auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Beide Haltungen sind für sich gesehen nicht verwerflich, schliesslich sind die eigenen Ressourcen begrenzt und es liegt einem viel an effizientem Vorankommen. Dennoch kann man sich auch fragen, ob diese Einstellung nicht auch zur Stagnation von Innovation führt.

Auch Innovationen in der Logopädie können so aus verschiedenen Blickwinkeln – zwei Seiten – betrachtet werden. Wer Kritik an Innovationen übt, ist deshalb aber nicht zwangsläufig zu bequem, sondern äussert damit teils objektiv nachweisbare Bedenken, die es zu berücksichtigen gilt. Einige der logopädischen Innovationen sowie deren Vor- und Nachteile werden bei der diesjährigen SAL-Tagung thematisiert, die in dieser Ausgabe unter der Rubrik Weiterbildungen erstmals mit Programm veröffentlicht ist.

Innovativ war aber auch das letztjährige Tagungsthema zur Prosodie, aus dem die drei aufeinander aufbauenden Fachartikel in dieser Ausgabe hervorgegangen sind. Den Einstieg macht Privatdozent Dr. Adrian Leemann, der sich mit prosodischen Besonderheiten Schweizerdeutscher Dialekte auseinandersetzt. Darauf folgt der Artikel von Jun.-Prof. Dr. Markus Spreer, der vor allem auf die Rolle der Prosodie für den kindlichen Spracherwerb eingeht. Meike Otten schlägt dann die Brücke zu prosodischen Auffälligkeiten und deren Diagnostik.

In der Rubrik Gesehen-Gelesen-Gehört werden ebenfalls einige innovative Themen behandelt. Unter anderem – und dies stellt wieder ein Kritikpunkt an digitaler Technologie dar – wird für den Spracherwerb die klare Überlegenheit natürlicher Konversationen im Vergleich z.B. zum Fernsehen postuliert. Darüber hinaus wird ein meines Erachtens sehr ambitioniertes Projekt der Swisscom vorgestellt, bei dem eine Spracherkennungssoftware für «Schweizerdeutsch» entwickelt werden soll. Zwar wollen sie sich zunächst auf die Dialekte von Zürich und Bern konzentrieren, setzen sich aber zum Ziel «Schweizerdeutsch in seiner ganzen Dialektvielfalt [zu] meistern». Ich bin mir nicht sicher, ob sie sich der Komplexität des Vorhabens bewusst sind, wünsche aber schon jetzt viel Erfolg dabei! Sollte diese Software tatsächlich irgendwann (funktionierend) existieren, wüsste ich schon jetzt einige Einsatzbereiche auch in der Logopädie... Vielleicht sind diese Mitarbeiter der Swisscom der Art, wie sie sich Henry Ford immer gewünscht hat: «Ich suche viele Mitarbeiter mit einer uneingeschränkten Fähigkeit, nicht zu wissen, was nicht möglich ist.» oder «Besorgt mir Ingenieure, die noch nicht gelernt haben, was nicht geht!».

Vielleicht sollte man den Kopf tatsächlich nicht gleich in den Sand stecken...

Bis dahin wünsche ich Ihnen viel Spass beim Lesen der zusammengestellten «althergebrachten» und «innovativen» Inhalte und nicht zuletzt einen wundervollen, inspirierenden Sommer!

Herzliche Grüsse

Mirja Bohnert-Kraus, Redaktorin