Editorial

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser, liebe Kollegin, lieber Kollege,


«Es ist nicht das Wissen, sondern das Lernen, nicht das Besitzen, sondern das Erwerben, nicht das Dasein, sondern das Hinkommen, was den größten Genuss bereitet.» Carl Friedrich Gauß


Der Mathematiker Carl Friedrich Gauß hat uns nicht nur seine berühmte gaußsche Glockenkurve der Normalverteilung hinterlassen, sondern auch über sein Fachgebiet hinaus wertvolle Denkanstösse. Lernen, Erwerben und Hinkommen stehen über Wissen, Besitzen und Dasein.


Vor allem mit dem Erwerben befassen sich viele Inhalte dieser Ausgabe. Der erste Fachartikel von Fabienne Allemann, Anne Sophie Caviezel, Andrea Geigenberger und Annette Fox-Boyer stellt eine Studie zum Erwerb des apikalen [r] im Schweizerdeutschen vor. Ebenfalls mit dem Erwerb dialektaler Strukturen und dem Gebrauch von Varietäten wird sich ein neues Forschungsprojekt beschäftigen, das unter der Rubrik «Aus der SAL / SHLR» beschrieben wird. Im zweiten Fachartikel setzt sich Mathilde Furtenbach für einen neuen Diskurs in Sachen Mundmotorik und dem Erwerb physiologischer Grundvoraussetzungen für die primären und sekundären oralen Funktionen ein. Und der dritte Fachartikel von Hannah Sand widmet sich dem Spiel- und Spracherwerb bei kleinen Kindern sowie deren Zusammenhang bzw. gegenseitige Einflussnahme. In diesen Zusammenhängen meint erwerben so viel wie erlernen.


Erwerben kann man heute allerdings alles Mögliche. In seiner ursprünglichen Form (ahd. irhwerban) bedeutete dies «durch tätiges Handeln erreichen». Diese recht eng gefasste Bedeutung hat eine starke Erweiterung erfahren – in keinem der oben genannten Erwerbsbeispiele würde man von einem Erwerb durch tätiges Handeln ausgehen. Hier wird vielmehr implizit erworben. Diese Bedeutungserweiterung führt dazu, dass man heute auch Dinge erwerben kann, die man gar nicht haben möchte, wie z. B. Krankheiten oder andere Beeinträchtigungen – meist hat man nicht die Absicht verfolgt, darauf aktiv hinzuarbeiten.


Umgekehrt gibt es aber auch Dinge, die man nicht erwerben kann, auch wenn man gerne würde. Gerechtigkeit, Anerkennung oder Wertschätzung lassen sich in aller Regel nicht erwerben; man kann sie nur erfahren oder sie können einem zuteil werden.


Daneben ist es in der heutigen Zeit unter anderem Gang und Gäbe, Dinge zu erwerben, die man eigentlich gar nicht braucht. Und was es bedeutet, wenn man auf einmal etwas nicht mehr erwerben kann, was man wirklich braucht, haben die Ereignisse der letzten Wochen gezeigt.


Vielleicht lehrt uns das in Zukunft wieder einmal klarer, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, genauer abzuwägen, was man wirklich erwerben möchte und anderen mehr zuteil werden zu lassen, was nicht erwerbbar ist.


Ich wünsche Ihnen viel Freude bei der Lektüre dieser Ausgabe, beim Lernen und Erwerben dieser und anderer neuer Inhalte und beim Hinkommen zu all Ihren persönlichen Zielen.

 

Herzlich
Mirja Bohnert-Kraus, Redaktorin

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