Editorial

Klarheit im Inhalt und in der Sprache sind Gegenstand dieser Ausgabe von logopädieschweiz. Alle drei Fachartikel liefern klare Aussagen zu deren jeweiligen Themen. So fordert Martin Meyer, der sich aus neurowissenschaftlicher Sicht mit der zentralen Verarbeitung von Sprache im Gehirn befasst, ein unbedingtes Umdenken weg vom klassischen «Zentren-Denken» hin zu netzwerk-orientierter Funktionsteilung. Anschliessend bietet Holger Grötzbach in seinem Artikel zu ICF-orientierter Herangehensweise bei Aphasie klare Vorschläge für ein top-down Vorgehen beim Setzen von Therapiezielen zusammen mit der_dem Patient_in und definiert hierbei zeitliche Raster für kurz-, mittel- und langfristige Ziele. Auch Nitza Katz-Bernstein, in deren Artikel es um selektiven Mutismus geht, findet klare Worte für die Argumentation, dieses Störungsbild unter anderem in den Zuständigkeitsbereich der LogopädInnen zu stellen.


Diese inhaltliche Klarheit ist das, was sich sowohl Forschende und Praktizierende als auch die Redaktion dieser Fachzeitschrift wünschen. Die Redaktion wünscht sich aber auch sprachliche Klarheit und diese besteht neben guten Formulierungen auch in der korrekten Verwendung von Sprache, was zum aktuellen Zeitpunkt durch jegliche Genderdebatten massiv herausgefordert wird. Zur Veranschaulichung der verschiedenen Gendervarianten sind im bisherigen Text – vielleicht haben Sie sich schon darüber gewundert – unterschiedliche Möglichkeiten eingebaut. Eine Hauptkritik von mir und anderen besteht in der Unleserlichkeit der vielen *, _, / und «Binnen-I». Dass hierbei der Inhalt hinter der Form verschwindet, wird nicht nur in Kauf genommen, sondern ist anscheinend sogar noch gewollt: «Der Gender*Stern soll [...] genau dies – den Lesefluss irritieren und zu einer bewussten Rezeption beitragen.» (www.sprachbewusst.de). Soll das der Sinn eines Textes sein? Und wie soll man dem dann in der mündlichen Konversation Rechnung tragen? 


Der Linguist Josef Bayer nimmt in seinem NZZ-Beitrag (siehe unter der Rubrik «aus den Nachbardisziplinen») Stellung zu diesem Phänomen und stellt klar, dass die Sprache sich zwar wandelt, jedoch tut sie das aus sich selbst heraus und steht für Eingriffe unsererseits schlichtweg nicht zur Verfügung. Ulrich Ammon, ebenfalls Sprachwissenschaftler, hat im Zusammenhang der Definition linguistischer Begrifflichkeiten – und meiner Ansicht nach lässt sich das bestens auf die Genderproblematik übertragen – seinen Berufsgenosssen und -genossinnen vorgeworfen, stets nach gedanklicher Klarheit auch bei praktischer Nutzlosigkeit zu streben. In meinen Augen wird bei diesen *-, _- und /-Formen und selbst bei der Vollnennung beider Geschlechter die gewünschte «gedankliche Klarheit» nicht erreicht, denn die Motivation des Genderns ist ja nicht nur Mann und Frau gleichzustellen, sondern auch Diverse miteinzuschliessen. Floskeln wie «Aus Gründen der Lesbarkeit wird im Text die männliche Form verwendet. Alle Personenbezeichnungen gelten gleichermassen für alle Geschlechter.» sind, so finde ich, sowohl gedanklich klar als auch praktisch nutzbringend und nicht nur, wie es gerne behauptet wird, eine «Scheinlösung». 


Bei der Zeitschrift, die Sie in der Hand halten, handelt es sich um eine logopädische Fachzeitschrift und es versteht sich von selbst, dass hier besonderen Wert auf die sprachliche Gestaltung gelegt wird. Mag sein, dass in anderen Kontexten anders argumentiert und gehandelt wird und nicht alle meine Meinung vertreten, aber in unseren Inhalten werden Sie – zur Wahrung der grammatischen Korrektheit – nur Vollformen oder generische Formen (sowohl Maskulinum als auch Femininum) vorfinden. 


Die Sprache unterliegt, wie vieles andere, nicht unserem Einfluss und «obwohl unsere Logik Klarheit und Sicherheit sucht, findet unsere Natur die Unbeständigkeit faszinierend.» (Carl Von Clausewitz) und muss sich mit dem Gegebenen anfreunden: Es gibt in der heutigen Zeit mehr als zwei biologische Geschlechter, die sich aber nicht in unseren sprachlich-grammatischen Geschlechtern wiederfinden. Ein «Problem», das eigentlich keines sein müsste.

 

Herzlich

Mirja Bohnert-Kraus, Redaktorin

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